Freitag, 26. Februar 2016

Die Plattform-Ökonomie: Chancen und Herausforderungen für den Wirtschaftsbereich Logistik


Bild: Vesna Cvorovic, 123RF
Mit dem Internet haben sich in vielen Bereichen neue Geschäftsmodelle entwickelt, die bestehende Branchenstrukturen und Regeln auf den Kopf stellen. Eindrucksvolle Beispiele sind hierbei die Taxifahrten-Vermittlungsplattform UBER (Unternehmenswert 51 Mrd. US-Dollar[1]), die selbst keine eigenen Fahrzeuge besitzt oder die Übernachtungs-Plattform Airbnb (Unternehmenswert 25 Mrd. US-Dollar[2]), die ohne eigene Immobilien sogar den Unternehmenswert der Marriot-Gruppe übertrifft. Auch die Logistik – drittgrößter Wirtschaftsbereich Deutschlands – kann sich der zunehmenden Digitalisierung und dem damit einhergehenden Siegeszug der Plattform-Ökonomie nicht entziehen. Dabei hat die Logistik bereits früh Ansätze und Modelle wie die klassischen Frachtenbörsen entwickelt, die durchaus als Vorläufer einer Plattform angesehen werden können. Heute gibt es neben den umfangreicher gewordenen Frachtbörsen zahlreiche weitere Ansätze für Plattformen in der Logistik. Dazu zählen beispielsweise Spot-Marktplätze, eForwarders, Transport Management-Plattformen, Tendering-Plattformen, Visibility-Plattformen und SCM-Plattformen. Möglich wurde diese Entwicklung durch die zunehmende Digitalisierung der Logistik sowie die Industrie 4.0.
Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Information, Datenaustausch und Visibility werden sich Plattformen zunehmend durchsetzen – auch in der Logistik. Hintergrund dieser Einschätzung ist die für die moderne Wirtschaft und Gesellschaft so wichtige reibungslose und effiziente Steuerung der Warenströme, die ohne vehicle-to-vehicle und vehicle-to-infrastructure Kommunikation, ohne umfassenden Datenaustausch und darauf aufbauende vorausschauende Analysen, ohne umspannende Daten- und Informationsarchitekturen nicht mehr erfolgen kann. Dieses neue Niveau an Visibility führt graduell auch zu einem höheren Maß an Sicherheit – dies in Bezug auf die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten wie auch die Abwehr von terroristischen Maßnahmen.
Neben der Logistik nutzen auch andere Branchen die Chancen der Digitalisierung und damit einhergehend der Plattformen. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den Industrien, beispielsweise zwischen Handel und Logistik – vor allem im E-Commerce. Anbieter wie alibaba, amazon und Zalando werden zwar in der Regel als Online-Händler wahrgenommen, tatsächlich sind sie aber aufgrund ihrer enormen Lager und der Art der verschiedenen logistischen Dienstleistungen, die sie übernehmen und anbieten, ebenfalls auch Logistikunternehmen. Ihre Geschäftsmodelle zeigen, wie die Plattform-Ökonomie von der Vermarktung, über Beschaffung und Vorhaltung bis zur Bereitstellung die Qualität der Leistung und damit die Marktposition unterstützt.

Innovations­ und Wettbewerbseffekt

Auch Logistik-Unternehmen müssen sich auf diese Entwicklungen und die steigenden Anforderungen der Kunden einstellen. Denn Unternehmen setzen kontinuierlich neue Standards, die im digitalen Zeitalter von den Kunden aber auch von Anbietern in anderen Bereichen ebenfalls erwartet werden. So fragen sich Kunden, die den Komfort der „UBER-Mobilität“ schätzen, warum es noch keinen UBER für den Paketversand gibt.

Dieser Trend zwingt zur umfassenden Marktbetrachtung und Innovation. Ein Weg, mit der Entwicklung Schritt zu halten, ist die Kollaboration. Durch Co-Kreation an der Schnittstelle zwischen Online-Händlern und Logistik beziehungsweise KEP-Anbietern lassen sich beispielsweise neue Prozesse entlang der immer enger getakteten Supply Chain entwickeln. Dies gilt auch für traditionelle Händler wie Media Markt und Saturn, die ihren stationären Handel mit Online-Shops ergänzen. Beide Unternehmen haben auf den neuen, von amazon gesetzten, Industriestandard ‚Same Day Zustellung mit einem Zustellfenster von drei Stunden am Tag der Bestellung‘ reagiert.

Was bedeutet dies für die Logistik? Zurzeit bildet sich eine Wettbewerbsstruktur heraus, in der sowohl die Plattform-Unternehmen als auch die Carrier – als Asset-Owner oder Asset-Operator – ihren Platz finden. Es können sich Plattformen bilden, unter denen sich viele kleine Logistik-Dienstleister zusammenschließen, um so ihre Auftragschancen zu erhöhen. Auf der anderen Seite werden auf der Angebotsseite unter Umständen ganz neue Angebote entwickelt, beziehungsweise neue Kundenschichten erschlossen – ganz im Sinne des Plattform- und Netzwerkgedankens. Solche Kollaborationsmodelle werden bereits realisiert – beispielsweise von sharedload.com. Dort können Versender Transportaufträge einstellen und dafür von privaten und gewerblichen Fahrern entsprechende Preisvorschläge erhalten. Parallel dazu stellen Fahrer ihre geplanten Touren ein und zeigen so, dass sie zusätzliches Frachtgut zur Beförderung aufnehmen können.[3] Diese und ähnliche Angebote haben das Potenzial, sich zu einer alternativen Zustellorganisation für die großen und kleinen Player im E-Commerce zu entwickeln. Sie sind aber auch für Filialisten interessant, die zusätzliche Serviceleistungen anbieten möchten, aber für Logistik-Konzerne nicht genügend Volumen aufbringen, um von den großen Transport-Unternehmen attraktive beziehungsweise wettbewerbsfähige Preise zu erhalten. Damit können im Handel wie in der Logistik auch kleine Anbieter mit den Großen konkurrieren.

Visibility, Beschleunigung und Konsolidierung

Visibility ist ein wesentliches Merkmal der Pattform-Ökonomie. Langfristiges Ziel ist es dabei, möglichst alle Abläufe des Geschäftslebens auf dem Display vor Augen zu haben. Dies beschleunigt das Geschäft und strafft die organisatorischen Abläufe. Beispiel Frachtenbörsen: Durch die digitale Ausschreibung reduzieren sich langwierige Recherchen nach geeigneten Dienstleistern ebenso wie zeitintensive Angebotsanfragen bei verschiedenen Anbietern. Gleichzeitig erfolgt über Verifizierung und Bewertung der erbrachten Leistungen durch Geschäftspartner eine Kontrolle. Die Historie ermöglicht im Vorfeld die Einschätzung potenzieller Partner – block chain ist das Stichwort. Schwarze Schafe haben damit in Zukunft kaum noch eine Chance. Dies beschleunigt die Anbahnung sowie Abwicklung von Geschäften und schafft ein neues Niveau des Vertrauens. Ein weiterer Vorteil der Plattformen sind Bündelungs- und Konsolidierungseffekte. So können bestehende Kapazitäten besser genutzt werden. Carrier vermeiden durch die Nutzung der Plattformen noch mehr als bislang kostenintensive, umweltfeindliche sowie unnütz die Verkehrslage belastende Leerfahrten. Aber auch die Mitnahme von Sendungen durch Privatpersonen – im Zuge der Sharing Economy – und die damit verbundene weitere Vermeidung zusätzlicher Verkehre wirkt sich positiv auf die Effizienz, die Verkehrslage und die Umwelt und damit auf die Lebensqualität der Menschen aus.

Logistik­-Plattformen und das Internet der Dinge: ein Ausblick

Künftig wird sich die Digitalisierung künftig stärker auf die Gestaltung und das Management der Supply Chain auswirken. Ein Stichwort ist hier das Konzept des Logistics Control Towers mit einem Informationsknotenpunkt als Herzstück, auf den alle Beteiligten Zugriff haben. Durch das Sammeln und Integrieren von Daten aus unterschiedlichsten Quellen ermöglicht dieses Konzept den Beteiligten, Chancen und Risiken innerhalb der Supply Chain frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. Das Konzept des Control Towers vereint alle Vorteile des Trägernetzwerks Internet, der Cloud – mit ihren unvorstellbar großen Speicherkapazitäten – und des Internets der Dinge, welches auf der Verknüpfung von Milliarden von Sensoren beruht. Dies schaffte eine neue Visibility, welche die Supply Chain nicht nur transparenter, sondern vor allem flexibler und robuster macht. Zudem wird das kollektive Orchestrieren der Warenströme, die enge Zusammenarbeit von zentralen und lokalen Expertenteams, von Lieferanten, Herstellern und Distributoren erheblich erleichtert, wenn nicht für viele gar erst ermöglicht. Die durch das Internet der Dinge geschaffene erhöhte Intelligenz des Supply Chain Ecosystems ist die Basis neuer Modelle, Analyse- und Planungsmethoden sowie Steuerungsmechanismen. Ereignisse können antizipiert und beliebigste Reaktionsmuster vor ihrem Einsatz schnell und präzise durchgespielt und abgewogen werden, um dann die wirkungsvollste Option, gesteuert oder autonom, zeitnah im höchstvernetzten System auszuführen. Die neue Vernetzung von Konsumenten, Handel, Herstellern und Logistik, die neue Visibility von Abläufen in Wirtschaft und Gesellschaft bringt erhebliche Vorteile. Dabei sind auch die Logistik-Unternehmen gefragt: Sie müssen sich mit Weitsicht und Verantwortung den Herausforderungen der Plattform-Ökonomie stellen und ihren Platz in der digitalen Welt definieren und einnehmen, um so an der Gestaltung der neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen mitwirken zu können, denn in der Plattform-Ökonomie können alle Tätigkeiten und Geschäfte als Apps des Gesamtnetzes aufgefasst werden, dem sich niemand mehr entziehen kann.

Dies ist ein Auszug aus der Veröffentlichung zur quantitativen Entwicklung der Logistik in 2016 unter der Schirmherrschaft von Dorothee Bär MdB, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Koordinatorin der Bundesregierung für Güterverkehr und Logistik. Zusammengefasst von Dr. Christian Grotemeier, Leiter Inhalte/Wissen/Forschung bei der Bundesvereinigung Logistik e.V. (BVL) und Wolfgang Lehmacher. Director, Head of Supply Chain and Transport Industries beim World Economic Forum.




[1] http://graphics.wsj.com/billion-dollar-club/, http://www.forbes.com/sites/lbsbusinessstrategyreview/2015/10/09/the-value-of-uber/, abgerufen am 12. Dezember 2015

[2] http://graphics.wsj.com/billion-dollar-club/, abgerufen am 12. Dezember 2015

[3] http://www.internetworld.de/e-commerce/logistik/uber-pakete-836244.html

Freitag, 12. Februar 2016

Versorgungsengpass in den Städten? Anforderungen an die urbane Logistik von morgen

Bild: TNT Express
Weltweit ziehen jeden Monat etwa sechs Millionen Menschen vom Land in die Stadt, um dort bessere Lebensbedingungen zu finden. Sechs Millionen Menschen – das ist etwas mehr als die Gesamtbevölkerung Dänemarks. In 15 Jahren – also schon 2030 – werden nach Schätzungen der Vereinten Nationen über 60 Prozent der Bevölkerung in den urbanen Zentren leben.
Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Auswirkungen. Weltweit wandeln sich die Städte kontinuierlich. Sie wachsen, ohne dass die Infrastruktur zur Versorgung der Bevölkerung damit Schritt halten kann. Um den steigenden Einwohnerzahlen gerecht zu werden, investieren Regierungen in die Infrastruktur für Mobilität, Energie- und Wasserversorgung, für die Müllentsorgung und weitere Bereiche.
Doch nicht nur die Städte sind gefragt. Auch Logistik-Dienstleister müssen sich zunehmend auf die Herausforderungen einstellen. Dabei spielen unterschiedlichste Facetten eine Rolle. So führt der zunehmende Individualverkehr in den Städten zur Überlastung der Straßen, nicht nur zur Rush Hour. Lkw und Zustellfahrzeuge können ihre Zeitfenster nicht mehr einhalten, Krankentransporte und Feuerwehreinsätze werden beeinträchtigt. In London lag die Durchschnittsgeschwindigkeit im Jahr 2008 bei ganzen 19 km/h, in Berlin immerhin bei 24 km/h. Somit kommt man in diesen Städten mit dem Pkw genauso schnell voran wie mit dem Fahrrad, dessen Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 15 – 30 km/h liegt.
Gleichzeitig steigt die Zahl der Waren und Güter, die benötigt werden, um die wachsende Bevölkerung zu versorgen. Lebensmittel und Getränke müssen ebenso in die Städte transportiert werden wie Medikamente, Textilien, Elektrogeräte und vieles mehr. Denn mit dem steigenden Lebensstandard in der Stadt wächst auch die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen rasant an. Zudem wird heute vieles in immer kürzeren Abständen nachgefragt, angeboten und verkauft. War es vor einigen Jahren noch Usus, dass Modegeschäfte zum Saisonwechsel neue Kollektionen erhielten, erwarten die Kunden nun wöchentlich ein neues Angebot.
Auch der boomende E-Commerce trägt zur Entwicklung des Verkehrsaufkommens bei: Wenn Bücher, CDs, Schuhe, Kosmetika und anderes einzeln verpackt direkt bis zum Verbraucher geliefert werden, dann steigen auch die Warenströme an. Andererseits entfallen die Individualfahrten für diese Einkäufe. Ob dies insgesamt das Verkehrsaufkommen reduziert oder aber der E-Commerce erheblich zur Belastung der Infrastruktur beiträgt, wird kontrovers diskutiert.
Unstrittig ist: Der zunehmende Verkehr trägt zur Belastung der Städte mit Feinstaub und CO2 bei. Temporäre Sperrungen bestimmter Stadtbezirke für Lkw und Zustellfahrzeugen aufgrund von Überschreitungen von Höchstwerten werden zunehmen.
Logistik-Dienstleister müssen sich deshalb mehr denn je mit den ökologischen und ökonomischen Folgen ihrer Geschäftstätigkeit auseinandersetzen. Gefragt sind Lösungen, mit denen Gesellschaft und Wirtschaft zuverlässig versorgt werden können und die dabei sowohl die Infrastruktur als auch die Umwelt so wenig wie möglich belasten. Diese Lösungen entstehen meist in Kollaboration mit Versendern, Fahrzeugentwicklern und den Stadtverwaltungen. Elektro-Fahrzeuge, die Einrichtung von Urban Hubs und Consolidation Center am Stadtrand oder die Nutzung von Parkhäusern als mobile Lager sowie von öffentlichen Verkehrsmitteln für die innerstädtische Zustellung sind nur einige Beispiele. Auch die Entwicklung emissionsfreier Fahrzeuge für die Logistik wie beispielsweise der Elektro-Lkw von BMW spielt hier eine Rolle. Weitere Lösungen werden mit der zunehmenden Digitalisierung und der Weiterentwicklung des Internets der Dinge entwickelt werden.
Welche Rolle Drohnen als Alternative zu den Sprintern der KEP-Dienstleistern dabei spielen werden, bleibt abzuwarten. Denn auch wenn es künftig überall Paketkästen geben könnte, müssen auch diese geöffnet und geschlossen werden – von Menschen oder aber mit fliegenden Robotern.

Montag, 11. Januar 2016

Könnten Terroristen die Lebenslinie der Weltwirtschaft treffen?


Bild: Primoz Jenko
Terroristen können überall und zu jeder Zeit zuschlagen. Dies führten uns die Anschläge in Paris am 13. November 2015 wieder einmal vor Augen. Die Regierungen antworten mit der Verschärfung der öffentlichen Sicherheitsvorkehrungen – und dies zurecht. Was aber, wenn Terroristen direkt die Supply Chain ins Visier nehmen würden? Der erfolgreiche Anschlag auf einige wenige ausgewählte strategische Ziele – beispielsweise im Energiehandel – könnte die Weltwirtschaft zum Erliegen bringen. Um derartige Katastrophen zu verhindern, sollten sich Unternehmen und Regierungen der „Bedrohungen mit geringer Wahrscheinlichkeit“ vermehrt bewusst sein und Instrumente zum Schutze des eigenen ökonomischen Interesses und des Wohls der Welt entwickeln.
Im November 2015 erschütterten die Anschläge auf die Konzerthalle in Paris, auf den russischen und Charterflug in Sharm El Sheikh und auf das Behindertenzentrum in San Bernardino die Welt. Infolge von hunderten von Zivilopfern reagieren Regierungen überall auf dem Globus mit verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Eine notwendige Antwort zur Sicherstellung unserer persönlichen Sicherheit.
Trotz der Priorität auf öffentliche Einrichtungen sollte eine andere wichtige Flanke nicht ungeschützt bleiben: die industrielle Infrastruktur und die Supply Chain. See- und Flughäfen, Straßennetze, Wasserstraßen und Schienenstränge – sie alle spielen eine wichtige Rolle in der Versorgung von Mensch und Industrie. Zwei Risiken haben dabei besonderes Gewicht: Auf der einen Seite die Überreaktion in Bezug auf den Schutz öffentlicher Einrichtungen, welche die Supply Chain negativ beeinträchtigen könnten und auf der anderen Seite die Vernachlässigung der Sicherung der Supply Chain, was Terroristen die Möglichkeit eines Anschlags ließe.
Die Beeinträchtigung der Supply Chain durch öffentliche Sicherheitsmaßnahmen ist nicht neu: „Nach dem terroristischen Anschlag am 11. September 2001 schloss die U.S. Regierung die Landesgrenzen und stoppte alle einkommenden und ausgehenden Flüge. Die Auswirkungen auf die Lieferketten zeigten sich stehenden Fußes”, erklären Yossi Sheffi und James B. Rice Jr. in einem MIT Sloan Artikel. “Ford Motor Co. legte periodisch Fließbänder still, da von Kanada und Mexiko eingehende mit Komponenten beladene LKW verzögert wurden. Fords Produktionsleistung im vierten Quartal des Jahres 2001 lag 13% unter Plan.” Obwohl nicht direkt betroffen, führte die Beeinträchtigung der Warenflüsse zu signifikanten Geschäftsschäden und Störungen in der Versorgung.
Allerdings geht von der Vernachlässigung der Supply Chain-Sicherheit noch eine viel größere Gefahr aus: die Bedrohung durch terroristische Anschläge, die auf die Lebenslinie der Weltwirtschaft zielen. Bis heute waren derartige Anschläge äußerst rar: Gemäß Daniel Ekwalls Analyse der offiziellen terroristischen Statistik der MIPT Terrorism Knowledge Base repräsentierten Transportaktivitäten nur 4% der Ziele im Jahr 2006 und 5% im Jahr 2007 – die niedrigste Zahl, die zu finden war. Allerdings hat die Zahl der Anschläge in Bezug auf die Supply Chain entsprechend einem PwC-Bericht über die letzte Dekade kontinuierlich zugenommen und erreichte im Jahr 2010 das Niveau von 3.299 Anschlägen.
Sollten Terroristen die Supply Chain ins Visier nehmen, könnte dies verheerende Konsequenzen haben. 70 bis 80% des weltweiten Öls passiert nur drei wichtige Passagen: den Suezkanal, die Straße von Hormus und die Straße von Malakka (siehe Grafik). Das Schließen einer oder mehrerer dieser Passagen würde die globale Lieferkette erheblich beeinträchtigen. Von besonderer Bedeutung ist die Straße von Hormus: gelegen zwischen der arabischen Halbinsel und dem Iran passieren durch diese nahezu 20% des globalen Ölhandels.



Source: Reuters http://blogs.reuters.com/data-dive/files/2015/03/OilChokepoints032715.jpg

Auch die Hauptumschlagsbasen für Fracht sind mögliche Ziele für Terroristen. 14,8% des containerisierten und des Luftfracht-Verkehrs fließen durch den Hongkong – Shenzhen Fracht-Cluster. Der Hafen von Shenzhen ist einer der wichtigsten Häfen für Chinas internationalen Handel und daher entscheidend für die Versorgung vieler Fabriken und Kunden weltweit.
Straßen, Computer-Netzwerke und Verkehrsleitsysteme sind ebenfalls anfällig gegenüber terroristischen Anschlägen. Diese könnten gehackt werden und infolge Chaos erzeugen. Der Transport auf nationalen Straßen und in Städten könnte unmöglich gemacht werden. Flugzeuge könnten kollidieren. Bei jedem Landeanflug tauschen Flugzeuge mit mehreren elektronischen Systemen Informationen aus und sind folglich in dieser Situation einem Risiko ausgesetzt. Auch Weichen könnten umgestellt werden und zum Entgleisen von Zügen führen.
Wichtig ist, sich der Gefahren um die Supply Chain bewusst zu sein und adäquate Maßnahmen zu deren Schutz zu ergreifen. Einige Regierungen haben dies verstanden. Bereits im Jahr 2009 erklärte Präsident Obama die digitale Infrastruktur zum strategischen nationalen Gut. Die kanadische Regierung ist mit der Formulierung einer Anti-Terror Strategie ein weiteres Beispiel. Diese betont die Notwendigkeit eines integralen Ansatzes aller Regierungsebenen, aller Strafverfolgungseinrichtungen, des Privatsektors und der Bürger in Zusammenarbeit mit internationalen Partnern und Alliierten, wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Es ist zu erwarten, dass infolge der Ereignisse des 13. Novembers 2015 Regierungen die Maßnahmen zum Schutze vor Terroristen verschärfen werden – mit möglicherweise gravierenden negativen Folgen für die globale Supply Chain.
Die Privatwirtschaft sollte dem Beispiel der Regierungen folgen. Der erste Schritt liegt darin, die Möglichkeit eines solchen Anschlages auf die Supply Chain anzuerkennen. Denn dies scheint noch nicht oft genug der Fall zu sein, wie eine Studie der University of Tennessee zeigt. Diese fand heraus, das von zwei Dritteln der Firmen mit Risk Managern nahezu alle dieser internen Funktionen die Supply Chain Risiken ignorieren. Angesichts der derzeitigen Entwicklungen eine möglicherweise riskante Haltung.
Bedauerlicherweise ist die Bedrohung durch Terroristen Bestandteil unseres Lebens. Wir sollten daher alles in unserer Macht stehende unternehmen, um ein weiteres Paris oder San Bernardino zu verhindern. Während die öffentliche Sicherheit das höchste Gebot ist, sollten wir die Sicherheit der Lieferkette nicht aus den Augen verlieren. Diesbezüglich ist das Bewusstsein um dieses Risiko und die möglichen Folgen der erste Schritt. Das Ergreifen von Vorbeugemaßnahmen im eigenen Land und Unternehmen der nächste.



Dieser Blog erschien ursprünglich auf der WorldEconomic Forum Agenda.





Dienstag, 5. Januar 2016

Globalisierung – Garant für Wohlstand und Sicherheit


Bild: Pavel Kavalenkau, Bildagentur: 123RF
Das Zusammenspiel der seit Jahrhunderten zunehmenden Globalisierung und der Investitionen infolge des Wiederaufbaus schaffte in Deutschland die Voraussetzung für den heutigen Wohlstand. Exportorientierte Wirtschaftspolitik und die Führungsrolle im Bereich der Logistik waren Schlüsselfaktoren für das deutsche Wirtschaftswunder
Der Begriff Globalisierung beschreibt die zunehmende wirtschaftliche, kulturelle und soziale Verflechtung zwischen Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten. Sie ist geprägt durch das Zusammenwachsen der internationalen Märkte für Güter, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräfte. Ihre Geschichte beginnt mit der Seidenstraße, dem ersten Ost-West-Korridor für freien Handel, und reicht bis in die Gegenwart. Unterbrochen wurde der Trend der weltweiten Vernetzung durch die beiden Weltkriege. In deren Anschluss wurde die weltweite wirtschaftliche Entwicklung entscheidend von der wirtschaftlichen und militärischen Stellung der USA geprägt. Aber auch die Europäischen Union wurde zu einem starken, wenn auch heute im Einfluss abnehmende Kraft.
Zu den Gewinnern der Globalisierung zählen neben Deutschland, Europa und die USA auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die als Stabilisator im Mittleren und Nahen Osten agieren. Zudem investieren die VAE in logistische Infrastruktur wie beispielsweise in den Flughafen Dubai und machen die Region zu einer leistungsfähigen Drehscheibe für den globalen Handel.
Auch Brasilien konnte dank der Globalisierung seine Rolle in der Weltwirtschaft neu definieren. Die BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – galten als entscheidene Wachstumstreiber der letzten zwei Jahrzehnte, bis der Cluster infolge der globalen Finanz- und Bankenkrise 2007/2008 an Dynamik verlor. So verzeichnet die brasilianische Wirtschaft derzeit aufgrund Reformstau und unzureichender Infrastruktur kein nennenswertes Wachstum mehr, während die russische Wirtschaft nach wie vor von mangelnder Diversifizierung und zudem von der jüngsten geopolistischen Krise belastet wird. In Indien ist mit Narendra Modi eine unternehmerfreundliche Regierung an die Macht gekommen, was der Wirtschaft neuen Schwung zu geben scheint. Die chinesische Wirtschaft spielt weiterhin eine entscheidende Rolle in der Entwicklung Asiens. Allerdings punktet das Reich der Mitte aufgrund der weltwirtschaftliche Lage und Umsetzung notwendiger Reformen derzeit nur noch mit einstelligen Wachstumsraten. China strebt nach der Balance zwischen Export und Binnenkonsum, der die Wirtschaft langfristig stabilisieren soll. Zur gleichen Zeit leidet Südafrika, zweitgrößte Volkswirtschaft Afrikas, unter teilweise unzulänglicher Infrastruktur.

Wichtiger den je – Investitionen in Logistik und Infrastruktur

Dabei ist die Infrastruktur eine wichtige Voraussetzung eine leistungsfähige Logistikindustrie – und diese wiederum für den internationalen Handel. Vor diesem Hintergrund hat China für das Jahr 2013 rund 14,45 Milliarden Euro für Infrastrukturprojekte zur Verfügung gestellt[1], in den USA sollen in den nächsten fünf Jahren 440 Milliarden US-Dollar jährlich in den Ausbau und die Erhaltung der Infrastruktur investiert werden. In Afrika sollen bis 2030 etwa 380 Milliarden US-Dollar in den Auf- und Ausbau des Straßen-, Schienen- und Luftverkehrs, der Energieversorgung und weitere Projekte fließen, um den Kontinent zukunftsfähig zu machen.[2] Dabei erhält der Kontinent Unterstützung aus China. Das Land investiert in den Bahnsektor, Straßen, Luftfahrt, Häfen sowie in die Telekommunikation und die Strombranche Afrikas.[3]
Auch in Deutschland ist die Logistik entscheidender Wettbewerbsfaktor. Die Bundesrepublik hat im Jahr 2014 beim Logistic Performance Index (LPI) der Weltbank alle anderen Nationen hinter sich gelassen. Unter den 160 untersuchten Ländern ist Deutschland der Standort mit der leistungsfähigsten Logistikindustrie. Vor allem hinsichtlich Infrastruktur, Verfolgbarkeit der Ware während des Transports, Zollabfertigung sowie der Qualität der logistischen Dienstleistungen schnitt das Land im Vergleich zu anderen gut ab.[4]
Trotzdem sind auch in Deutschland Investitionen dringend nötig – besonders im Bereich Infrastruktur: Marode Straßen und Brücken führen zu Sperrungen, Umleitungen und Staus. Dies beeinträchtigt die Supply Chains und führt zu Störungen der Produktionsabläufe und damit zu einer Verminderung der Wettbewerbsfähigkeit. Zudem herrscht in der Logistik Fachkräftemangel. Beispielsweise werden Berufskraftfahrer rar, weil der Nachschub aus der Bundeswehr fehlt und die Attraktivität des Berufs vergleichweise gering ist. Steigende Kosten für Energie, Immobilien, Fuhrpark u.a. belasten die wichtige Basis- und Querschnittsindustrie. All das führt zu direkten und indirekten Erhöhungen der Logistikkosten und damit zu einer Beeinträchtigung des Standortes Deutschland.
Auch Energie-, Treibstoff- und Transportaufwendungen steigen. Da sie bei den Logistikkosten in der Industrie 21,6 Prozent sowie im Handel 31,2 Prozent zu Buche schlagen, wirken sie als Kostentreiber.[5] Zu den weiteren Faktoren zählen die Personalkosten, die durch den ab 1. Januar 2015 für alle Branchen verpflichtenden Mindestlohn gestiegen sind. Da gleichzeitig die Optimierungspotenziale in der Supply Chain limitiert sind, wird es schwer, diese Kostensteigerungen durch andere Maßnahmen abzufedern. Protektionistische Bestrebungen und erhöhte Sicherheitsauflagen sind weitere Faktoren, die sich auf die Logistikkosten auswirken.

Globalisierung 2050 – ein Ausblick

Die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Vernetzung der Welt hat entscheidend dazu beigetragen, dass der Wohlstand gestiegen ist und viele Krisensituationen nicht zu kriegerischen Auseinandersetzungen führten. Dabei sichern Handels- und Militärbündnisse beziehungsweise das abgestimmte und gemeinsame Vorgehen gegen kollektive Bedrohungen die Solidarität.
Wie sich die Globalisierung aktuell entwickelt und was dies für die Logistik bedeutet beschreiben die Blog-Beiträge „Globalisierung als Wachstumsimpuls für die Logistik“ und „Aktuelle logistische Herausforderungen der Globalisierung“ ein.


Dies ist ein Auszug aus den Ergebnissen des Herbstgipfels der Logistikweisen 2014 unter der Schirmherrschaft von Dorothee Bär MdB, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur Koordinatorin der Bundesregierung für Güterverkehr und Logistik. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse unter dem Titel „Logistik bewegt. Eine Bewertung des zu erwartenden Wachstums.”



[1] http://www.bvl.de/thema/infrastruktur-in-einzelnen-laendern/infrastruktur-in-china

[2] http://www.econoafrica.com/unternehmen/infrastruktur-ist-basis-fuer-wirtschaftliche-entwicklung/

[3] http://www.n-tv.de/wirtschaft/China-investiert-56-Milliarden-Euro-in-Afrika-article16501331.html

[4] http://www.welt.de/wirtschaft/article126047109/Weltbank-kuert-Deutschland-zum-Logistikweltmeister.html


[5] http://www.wuerth-phoenix.com/fileadmin/downloads/pdf_Presse/Kernaussagen_zur_Trendstudie_Logistik.pdf